Teamfotos als Portrait – Wenn aus Bildern Rollen werden
Teamfotografien folgen häufig einem standardisierten Aufbau: mehrere Personen stehen vor neutralem Hintergrund, werden frontal zur Kamera positioniert und dann fotografiert. Das entspricht einer wenig inspirierten Gruppenfotografie.

Im Kontext des Projektes Interwoven wurde jedoch im Verlauf der Konzeptentwicklung deutlich, dass klassische Teamfotos dem Projekt nicht gerecht werden. Erst durch den Hinweis, dass es sich nicht lediglich um eine inszenierte Studioaufnahme handelt, verstanden wir, dass die Fotografien stärker als Teil eines narrativen Raums gedacht werden müssen.
Mehr als nur ein Gesicht
Ausgangspunkt war nun die Überlegung, wie sich ein Team darstellen lässt, ohne auf eine rein dokumentarische Abbildung der Person zurückzugreifen. Da das Projekt thematisch Aspekte wie Forschung, Fremdheit und das Unbekannte behandelt, lag der Fokus darauf, die Beteiligten nicht nur abzubilden, sondern in eine entsprechende Situation einzubetten. Die Teammitglieder wurden nicht lediglich porträtiert, sondern gezielt inszeniert. Sie nahmen die Rolle von Forschenden ein, die sich in einer ihnen fremden Umgebung orientieren und mit dieser interagieren.

Dabei wurde die visuelle Gestaltung als Kombination von orangefarbenem und blauem Licht, also einem Komplementärkontrast, gewählt. Dieser Kontrast wurde eingesetzt, um die Figuren vom Hintergrund abzuheben und gleichzeitig eine visuelle Spannung zu erzeugen. Orange kann dabei als warmer, näher wirkender Farbanteil gelesen werden, während Blau Distanz und Kühle vermittelt und so das Motiv thematisch unterstützt. Dadurch entsteht eine visuelle Spannung zwischen zwei Zuständen: Vertrautheit und Fremdheit.

Kontrolle vs. Realität
Bevor wir überhaupt eine Kamera in die Hand genommen haben, wurde das gesamte Lichtsetup digital geplant. Mit Set.a.Light 3D konnten wir testen, wie sich Licht und Farbe im Raum verhalten – wie Schatten fallen, wie Konturen entstehen. Ziel war es, die Wirkung des Setups bereits im Vorfeld möglichst präzise einschätzen zu können.
Zum Einsatz kamen Key- und Fill-Light (Aputure 80C mit Softboxen) zur Grundausleuchtung der Person, ergänzt durch Rim Lights (Aputure 80C) zur Konturierung sowie Hintergrundlichter (3x Astera) zur Inszenierung des Raumes.

Die Kamera (Canon EOS 5D Mark IV) wurde bewusst neutral eingestellt (f/5.6, 1/80, ISO 100), um die Farbwirkung des Lichts sauber einzufangen. Durch die Vorplanung konnte das Setup im Studio umgesetzt werden. Gleichzeitig zeigte sich jedoch im weiteren Verlauf, dass technische Präzision allein nicht ausreicht, um eine inhaltlich überzeugende Bildwirkung zu erzeugen. Denn allein durch stimmige Lichtsetzung und korrekte Belichtung konnte nur wenig erzählerische Spannung erzeugt werden.

Der Moment, in dem Bilder leer bleiben
Die ersten Aufnahmen waren gut. Schön ausgeleuchtet, korrekt belichtet, visuell stimmig. Gleichzeitig wirken sie jedoch austauschbar. Es fehlte an erzählerischer Spannung und individueller Ausdruckskraft. Die Bilder sahen aus wie Portraits, jedoch nicht wie ein Teil einer Geschichte. Anstelle weiterer technischer Anpassungen wurde der Fokus auf die Interaktion mit den fotografierten Personen gelegt.

Jede Person wurde zuerst aus der Situation rausgeholt – mit einer einfachen Frage: „Was gab es heute zum Frühstück?“. Kein Druck, kein „jetzt bitte lächeln“. Dann kam der eigentliche Schritt: Es wurden keine festen Posen vergeben, sondern Situationen initiiert, in denen die Beteiligten eigenständig agieren konnten. Dadurch entstand nicht mehr der Eindruck: „Jemand vor der Kamera”, sondern jemand, der etwas entdeckt, analysiert oder hinterfragt.
Dazu kam eine Kiste mit Requisiten wie Klemmbrettern, Werkzeugen und Kristallen. Nichts davon war Pflicht, aber alles konnte benutzt werden. Und genau in diesen Momenten passierte etwas Entscheidendes: Die Interaktion führte zu einer sichtbar gesteigerten Authentizität in Mimik und Körperhaltung. Es entstanden Blicke und Bewegungen, die nicht gestellt wirken, sondern aus der Situation heraus entstanden.
Das Ergebnis
Die entstandenen Bilder verbinden die visuelle Einbindung in das Gesamtkonzept mit individuellen Ausdrucksformen der jeweiligen Person. Dadurch wirken sie weniger wie klassische Portraits und stärker wie Ausschnitte aus einer übergeordneten Handlung. Am Ende haben wir zusätzlich noch klassische Portraits gemacht, mit vorgegebenen Posen und ohne Requisiten.


Was wir gelernt haben
Aus dem Prozess lassen sich mehrere Erkenntnisse ableiten. Zum einen wurde deutlich, dass Lichtgestaltung zwar die formale Grundlage eines Bildes bildet, die eigentliche Wirkung jedoch maßgeblich durch die dargestellten Personen entsteht.
Zum anderen zeigte sich, dass ein klares Konzept Orientierung bietet, jedoch erst durch flexible Umsetzung und Interaktion lebendig wird. Requisiten erwiesen sich dabei nicht als dekoratives Element, sondern als Mittel zur Aktivierung von Handlung und Ausdruck.
Beitrag von Ilja Soutchilin
Alle Bilder bis auf die Stockfotografie wurden selber entwickelt. Sei es als Compuerrendering, als Fotografie vor Ort oder als Zeichnung
















